


Nach guten 13 Jahren als Jugendbeamtin der Polizei in Schwabing habe ich im Sommer 2008 ein neues Aufgabengebiet innerhalb des Polizeidienstes übernommen. Ein Grund, auf die Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum Schwabing West, kurz Juze genannt, zurück zu blicken.
„Ich kann mich noch gut an meinen ersten Weg zum Freizeitheim Schwabing West im Jahr 1995 erinnern. Ich war gerade mit 23 Jahren frischgebackene Jugendbeamtin des Polizeireviers in Schwabing geworden. Mein kommender Partner Ralph war im Urlaub und mein Vorgänger stellte mich den verschiedenen Einrichtungen vor. Die Besonderheiten jeder Einrichtung erläuterte er mir kurz auf dem Weg. Für das Juze hieß dies: „Die Besucher sind fast alle männlich und vorwiegend Griechen und Türken, die Pädagogen sind alle sehr christlich – CVJM halt.“ Da ich aus einem niederbayerischen Dorf komme, verband ich mit CVJM ausschließlich das Lied „YMCA“ und hatte keine weiteren Vorstellungen, was da wohl auf mich zukommen wird.
Um es schon mal vorweg zu nehmen: Wäre ich zu Anfang meines Polizeidienstes als Polizistin im Schichtdienst geblieben, mit all den Nachtdiensten, den unerfreulichen Auseinandersetzungen und Schlägereien, mit Betrunkenen und den daraus resultierenden häuslichen Gewalt Delikten... ich wäre zwar auch da gerne Polizistin geblieben. Ich glaube aber, ich hätte mich privat nicht zu der Person Anja entwickelt, die ich heute bin. Und das Klima im Juze, besonders die enge Zusammenarbeit mit den Pädagogen hat für mich da einen großen Teil dazu beigetragen. Wieso? Das ist ganz einfach erklärt. Das fängt schon mit dem Umgangston in der Einrichtung an. Beleidigungen, freche Ausdrücke rutschen auch da heißspornischen Jugendlichen über die Lippen, werden so aber nicht stehen gelassen. Die pädagogischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nehmen Einfluss, führen Gespräche, sind Vorbilder. Auch auf meinen, oft lockeren Wortschatz hat das großen Eindruck gemacht.
Das Wort Vorbild spielt auch in anderen Bereichen eine große Rolle im Juze. Zum Beispiel beim „Mittagstisch“ bei dem an sauber und schön gedeckten Tafeln Jugendliche, Ehrenamtliche und Pädagogen, manchmal eben auch die Jugendpolizisten zusammen gegessen haben. Sich gegenseitig Getränke zureichen, die vom „aussterben bedrohten Wörter“ „Bitte“ und „Danke“ sagen, einen Tisch mit Blumen und Servietten kennen zu lernen war für einige neu. Beim Mittagstisch blieben alle und es war nicht ein kommen und gehen, wie es jedem passt und wie es leider häufig in Familien vorkommt. Vielen Kindern und Jugendlichen war und ist dieses „Miteinander“ vollkommen fremd. Gemeinsame Essen in der Familie gibt es selten. Auch die Gespräche, die Geschichten und Gebete haben bestimmt nicht nur mich zu vielen neuen Überlegungen und Ideen verleitet. Ob die Jugendlichen christlicher, muslimischer Herkunft waren, oder ob sie Glauben von ihren Eltern nicht kennen gelernt hatten, spielte dabei keine Rolle. Vorgelebte Toleranz und das Rücksichtnehmen auf individuelle Meinungen standen im Vordergrund.
In vielen Fällen begann eine langjährige Beziehung zu den Jugendlichen eben an diesem Mittagstisch. Den Jugendlichen wurde zugehört - auch eine Erfahrung, die manche zuhause nicht oft machen. Solche Gespräche wurden ganz locker in der offenen Spielzone, zum Beispiel am Kickertisch oder in der Halle beim Sport weitergeführt. Wie viel Zeit die einzelnen Pädagogen da investierten ging oft weit über die üblichen bezahlten Arbeitsstunden hinaus. Es wurden Elterngespräche geführt, Jugendliche wurden zu Hause besucht. Die Juze-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen führen auch seit Jahren Spieleinsätze in den neu entstehenden Wohnsiedlungen durch. Die Kinder und Jugendlichen werden hier eingeladen, das Juze kennen zu lernen. Sogar einzelne Besuche im Jugendarrest gab es, um den Jugendlichen ein Freund zu bleiben. So leisten nicht nur die vielen Ehrenamtlichen Erstaunliches, auch die Pädagogen sind weit über die Norm hinaus engagiert. Auch wieder etwas, das eine Beamtin mit 42 Stunden-Arbeitszeit im Kopf beeindruckt und angespornt hat, nicht jede Minute aufzurechnen und aufzuwiegen.
Auch unsere Arbeit als Polizisten und Jugendbeamte ist vom Juze-Team immer voll unterstützt worden. Sei es mit der Vergabe von Räumlichkeiten oder der Mitwirkung bei den „Zammgrauft“-Kursen, die Zivilcourage vermitteln und auf Gewaltprävention setzen. Auch bei Multiplikatorenausbildungen und Training für Schulklassen und bei Gesprächen mit Jugendlichen stand uns das Juze-Team immer mit Rat und Tat zur Seite. Sogar ein Betriebsausflug der Polizeiinspektion 13 fand im Juze statt.
Mit drei Begebenheiten möchte ich die gute Zusammenarbeit verdeutlichen.
Vor vielen Jahren besuchten auffällige und zum Teil straffällig gewordene Jugendliche verschiedener Nationalitäten das Juze an den Abendöffnungszeiten. Da kam es schon mal vor, dass nach Streitereien ein Hausverbot ausgesprochen werden musste. Bei diesen Diskussionen standen die Jugendlichen schon mal Nase an Nase mit den Pädagogen. Versuche, andere Jugendliche körperlich einzuschüchtern, waren die Kids ja vom Schulhof gewohnt. Die Pädagogen ließen sich dadurch aber nicht einschüchtern, auch wenn diese Begegnungen bestimmt spannend waren. Sie kontaktierten die Jugendbeamten und gemeinsam arbeiteten wir daran, die Situation zu entspannen. Das Juze war immer eine absolute Schutzzone für die „Schwachen“. Und die Unruhestifter lernten ihre Grenzen kennen. Einige Jugendliche von diesem Kaliber wuchsen altersbedingt aus dem Juze heraus, einige straffällige Jugendliche verbüßten Arrest oder waren in Auslandsprojekten untergebracht, drei wurden nach Straftaten sogar abgeschoben. Wie brisant diese Zeit damals war merken wir noch heute bei einigen Gesprächen, die immer mit den gleichen Worten anfangen: „Weißt Du noch....!“ oder „Ich hab den ... getroffen der arbeitet jetzt bei ... !“ Tatsächlich stellen wir heute – Jahre später – fest, dass die „wilden Jahre“ für viele Jugendliche vorbei sind und sie in Beruf und Gesellschaft gut eingegliedert sind. Viele von den Jugendlichen damals haben heute eine eigene Familie.
Eine andere Geschichte ist die zweier Brüder, die im Juze schon Stammgäste waren, als ich das Juze zum ersten Mal besuchte. Für die Jungs war die Spielzone ihr zweites Wohnzimmer. Egal, ob das Aquarium neu eingerichtet wurde oder eine Tagesfahrt auf dem Programm stand - noch vor der offiziellen Öffnungszeit standen sie schon vor der Tür des Juze. Leider mussten wir im Lauf der Jahre beobachten, dass die Jungs sich von Fußballfans zu Hooligans und sogar zu Rechtsradikalen entwickelten. Ich weiß nicht, wie viele Stunden Gespräche stattfanden und wie viele Besuche die Pädagogen zu Hause bei den Jungs machten, zu einem Zeitpunkt, als die Jungs mit mir als „Feindbild-Polizei“ schon nicht mehr sprachen. Es waren unzählige Stunden aber manchmal kann man den Lauf der Dinge nicht ändern. Jahre später, nach einigen verbüßten Haftstrafen hat der ältere der Brüder wieder Kontakt zum Juze aufgenommen. Er hat den harten Weg des Ausstiegs aus dieser Szene hinter sich und den zweiten Alkoholentzug. Er hat nach dieser langen Zeit den Weg ins Juze gefunden, weil er mit den Pädagogen über all dies reden wollte. Zeichen einer ehrlichen und langjährigen beidseitigen Freundschaft.
Viele besondere jugendliche Persönlichkeiten waren Besucher im Juze. So auch ein Mädchen, deren Vorgeschichte ein familieninterner sexueller Missbrauch war, und die mit 16 Jahren von einem Jugendlichen schwanger wurde. Bis zum letzten Schwangerschaftsmonat vertraute sie sich nicht ihren Eltern an und besuchte keinen Arzt. Alleine einer Pädagogin im Juze hat sie sich anvertraut, die sie einfühlsam und kompetent begleitete. Erst kurz vor der Entbindung fand sie die Kraft, die „Flucht nach vorne anzugreifen“, ging endlich zu einem Arzt und weihte ihre Eltern ein. Vom Vater des Kindes wurde sie die ersten Lebensjahre ihres Sohnes im Stich gelassen. Sei es aus Stress wegen ihrer Ausbildung, wegen Wohnungssuche, Streit mit ihrer besten Freundin oder wegen Mutterschaftsfragen – ihre erste Anlaufadresse war immer das Juze.
Oft kommen die „Ehemaligen“ noch abends auf einen kurzen Ratsch vorbei. Der Taxi-Fahrer, um von seinen Eheproblemen zu sprechen; eine Lehrerin, deren Tochter früher Stammbesucherin war, um Grüße von der Tochter auszurichten, die gerade in England Sozialpädagogik studiert; ein junger Erwachsener, der einfach nur zeigen will, dass auch er noch die Kurve gekriegt hat und er Familie und einen guten Job hat;....
Heute sind die Besucher im Jugendzentrum anders. Sie sind jünger. Viele Kinder wuseln umher und lachen und spielen. Immer wieder baut das Juze auch Wege zu den Eltern, bspw. im Wohngebiet am Ackermannbogen.
So ist nach meinen 13 Jahren als Jugendbeamtin, nach all den schönen, spannenden, mitunter auch aufregenden Zeiten bei mir der Zeitpunkt gekommen, wo ich nicht mehr dienstlich, dennoch aber privat am Abend das ein oder andere Mal auf einen Ratsch über „unsere“ Juze-Zeiten vorbeikommen werde. An dieser Stelle möchte ich mich insbesondere bei Eberhard, Dirk, Alex, Andreas, Eva, Susanne, Elke und Alf bedanken. So tolle, engagierte Pädagogen müsste es überall geben – dann wären in München für viele Jugendliche trittfeste Brücken zum Erwachsen werden gebaut.“
Anja Leimkugel
Infos
Dirk Wahlandt
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Jugendzentrum
Schwabing-West
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