


„Vertreter aus verschiedenen Religionen und Kulturen haben sich zum Dialog getroffen: Wir haben nicht übereinander gesprochen, sondern miteinander. Wir sind nicht aneinander vorbeigegangen, sondern sind uns begegnet. Wir haben gebetet, füreinander und miteinander, für den Frieden!“, so der Kardinal. Der Auftrag, dem sich die Gemeinschaft Sant’Egidio stelle, sei Wirklichkeit geworden, und viele Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft hätten sich davon bewegen lassen: „Aus dem Geist von Assisi und aus dem Geist von Sant’Egidio entsteht so eine Inspiration für unsere Weltgemeinschaft! Unterschätzen Sie nicht die Kraft dieses Treffens!“
Andrea Riccardi betonte, wie wohl sich die Teilnehmer in München gefühlt hätten und dankte überschwänglich allen Mitwirkenden und Organisatoren. Das 25. Friedenstreffen erlebte in München inspirierende und frohe Tage.
Miteinander reden
Drei Tage lang diskutierten die Religionsvertreter in rund 50 Podiums-Diskussionen und Veranstaltungen über den Arabischen Frühling und den muslimisch-christlichen Dialog, die Rolle der Frau in der Religion und die Folgen des Erdbebens in Japan, die jüngsten Anschläge in Norwegen sowie zahllose andere Themen. Klar, dass da auch diametral gegensätzliche Meinungen aufeinander prallten. Aber sie wurden stets geduldig vorgetragen und zur Kenntnis genommen. Diese Grundhaltung des Respekts zu verbreiten, sei heute eine der wichtigsten Aufgaben, erklärte der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorius, der seit Anfang an Teilnehmer des Dialogs ist. „Erst wenn wir lernen, den Geist von Assisi im Alltag umzusetzen,“ so der angesehene syrische Geistliche, „werden wir in meiner Heimat und überall auf der Welt zu wirklichem Frieden finden.“ Dass eine solche Entwicklung keine Utopie sein muss, beteuerte der Großmufti von Sarajevo Mustafa Ceríc bei der Abschlusszeremonie vor dem Münchner Rathaus. „Versöhnung ist möglich“, so Mustafa Ceríc, “während der blutigen Greuel-Taten gegen uns Muslime in Bosnien hätten wir uns das nicht träumen lassen. Doch heute wissen wir:
Es ist möglich.“
Einheit in der Verschiedenheit
Dieser Geist von Assisi, den die Gemeinschaft Sant‘Egidio zum Friedenstreffen getragen hat, soll nicht die Differenzen aufheben, sondern eine „Einheit in der Verschiedenheit“ ermöglichen. Wichtig ist, dass man viel zusammen spricht und sich über alle Grenzen hinweg austauscht und miteinander isst. Bei den verschiedenen Speisevorschriften ist das eine logistische Herausforderung. Gebetet wird dann getrennt – jede Religion in ihrer Tradition. Den Bogen zwischen dem Gebet von Assisi vor 25 und den Anschlägen vor zehn Jahren schlägt der charismatische Gründer von Sant’Egidio, Andrea Riccardi. Im Herkulessaal der Residenz spricht Riccardi zu den Religionsführern, unter denen die Juden und Muslime so zahlreich sind wie nie zuvor. Diese beiden Ereignisse symbolisieren für Riccardi die möglichen Varianten des Religiösen in einer globalisierten Welt:
Die Religion führt entweder zu Friedfertigkeit und Dialog oder zur weiteren Verhärtung der Unterschiede, was Terror und Krieg fördert.
Seit dem September 2001 habe sich eher die Theorie vom Kampf der Kulturen und der Religionen bestätigt, so Riccardi. Dieser Theorie des Konflikts hätten nicht wenige zugejubelt und die Bemühungen um Dialog als geistigen Luxus von Naivlingen hingestellt. Doch das sei ein Irrweg gewesen, dem nun eine Rückbesinnung auf die Prinzipien des Dialogs folgen müsse, sagt Riccardi und warnt vor einer „vulgären Globalisierung“, in der sich das Zusammenleben auf den Austausch von Gütern beschränkt.
Riccardi ist ein glänzender Redner. Aus den großen Zusammenhängen der Geschichte präpariert der Historiker markant die Gegensätze heraus: Der kleingeistigen Angst vor kultureller Unübersichtlichkeit wie den Bestrebungen, die Unterschiede der Zivilisationen einzuebnen, stellt er den Geist von Assisi entgegen. Dabei sollen die Differenzen nicht aufgehoben werden, sondern eine „Einheit in der Verschiedenheit“ gelebt werden. Die versammelte Zuhörerschaft ist selbst das sichtbare Zeichen einer solchen Einheit in Verschiedenheit.
Stefan Nicklas