

Bis heute ist der 11. September mit seinem verheerenden Terroranschlag prägend, zumindest was das öffentliche Bewusstsein anbetrifft. Doch der 9. November 1989 hat unser tatsächliches Leben sehr viel stärker umgewandelt. Und zwar weltweit.
In seinem Zeitzeugenbericht „20 Jahre Mauerfall. Was ist die neue Freiheit wert?“ referierte Joachim Reinelt, der katholische Bischof von Dresden-Meißen, am 28. Mai vor 80 Gästen in der „Spätschicht“ beim CVJM über persönliche Erfahrungen.
Der Bischof rief dazu auf, das Geschenk von 1989 anzunehmen. Reinelt unterstrich, dass in der DDR geistige Erniedrigung und Verknechtung ausgerechnet von einer Ideologie ausgingen, die sich auf das Menschenbild der Französischen Revolution berief: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nichts davon habe sich verwirklichen lassen. Schon die Schule sei ein Kampfplatz um die menschliche Würde geworden. Andersdenkende seien bereits dort unterdrückt worden, wie er als Jugendlicher selbst erfahren musste. Zur Veranschaulichung zitierte Reinelt immer wieder auch aus seiner Stasi-Akte.
Wirkliche Gemeinschaft aber habe es z.B. in den Kirchen gegeben. Hier konnte sich in den wenigen Räumen, die die Staatsführung offen ließ, ein freies Denken entwickeln. Obwohl sich ganz verschiedene Gruppen dort versammelten – Umweltgruppen, Ausreisewillige, Wehrdienstverweigerer, Jugendliche – sei doch das jahrzehntelange, auf der Bergpredigt beruhende Friedensgebet prägend gewesen. Nachdrücklich verwies er auf die evangelische Nikolaikirche in Leipzig. Mit dem Ruf „Keine Gewalt“ hätten die Demonstrationen im Oktober 1989 die entscheidende Richtung erhalten. Dies sei eine wichtige Voraussetzung für Reinelts Gespräche mit Vertretern des Regimes gewesen.
Der innere Wendepunkt in dieser Gemeinschaft kam, als sich die Forderung „Wir wollen raus“ in ein „Wir bleiben hier“ wandelte. Die daraufhin in der DDR einsetzenden inneren Veränderungen haben Joachim Reinelt mit großer Dankbarkeit erfüllt – den späteren Fall der Mauer am 9. November und die rasch folgende Einheit wertet er bis heute als ein Wunder.
Heute sieht der katholische Bischof Probleme in der alltäglichen Annäherung zwischen Ost und West. „Wir sollten den Bürgern der ehemaligen DDR nicht die positiven Lebenserinnerungen fortreden, die sie individuell gemacht haben“, so Reinelt. Auch das Menschenbild im liberalen Denken von heute weise Mängel auf.
Dennoch überwiegt bei ihm die Freude. Ausdrücklich verwies der Bischof auf die renovierten Städte und die blühenden Landschaften. Auch dies sei ein Geschenk, das wir annehmen dürfen.
Walter Graßmann
Kulturbistro
"Spätschicht - sprich mit."
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Tel. 0176 320 44 268
Wo?
CVJM-Haus, Landwehrstraße 13
Wann?
donnerstags, einmal im Monat
Einlaß+Buffet ab 18.30 Uhr
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