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Titel: CVJM München e.V.: Kurzzeiteinsatz "Mobile Praxis" in Peru
URL: www.cvjm-muenchen.org/en/service/berichte-archiv/kurzzeiteinsatz-mobile-praxis-in-peru/
Kurzzeiteinsatz „Mobile Arztpraxis“ in Peru„Alles was ihr tut, das tut von Herzen“: Mit diesem Motto, das wir bewusst in Quechua – der Sprache der Inka-Nachfahren – auf unsere Westen geschrieben haben, gingen wir als bunt zusammen gewürfeltes Team in die peruanischen Anden, um im Rahmen des CVJM-Weltdienstes ungewohntes Terrain zu betreten, im wahrsten Sinne. Auch wenn der CVJM (noch) nicht gerade für sein medizinisches Engagement bekannt ist, passt das gerade beendete Projekt der „mobilen Arztpraxis“ im Hochland Perus sehr gut hinein in das dreieckige Modell von Körper, Geist und Seele. Und wie sich die letzten beiden erfreuen, wenn es ersterem besser geht, das durfte unser Gringo-Ärzte-Team reichlich erleben. Viel Neugier war auf beiden Seiten zu spüren, als in den schön klingenden Ortschaften Chivay, Pinchollo, Callalli oder Chichas auf bis zu 3.800m Höhe die Menschen in unserer Sprechstunde versorgt wurden. Wir wurden allerorts warmherzig empfangen. Die Dankbarkeit der Patienten und der Verantwortlichen war beeindruckend. Da die Menschen in unserem Einsatzgebiet des Colca Canyon fast ausschließlich von Landwirtschaft und Viehherden leben, sind ihre Ländereien sehr groß. Die entsprechenden Höfe (Enstancias) liegen oft viele Stunden Fußmarsch auseinander. Für die wenigen Gesundheitsstützpunkte (Puestos medicos), die in der Regel von einer Krankenschwester oder einer Hebamme geleitet werden, bedeutet die medizinische Versorgung dieser Bevölkerung daher eine immense Herausforderung. Blut-, Urin- und Stuhluntersuchungen können aufgrund des Mangels an Laboren nicht gemacht bzw. müssen weit weg geschickt werden. Wenn alles klappt, kann ein Arzt ein oder zwei Mal im Monat zu den entlegenen Höfen kommen, meistens mit einer Begleitung und derjenigen Ausrüstung, die noch auf das Motocross-Rad passt. Notfälle können dabei nicht behandelt werden, das gilt besonders für Komplikationen bei der Geburt. Für unseren Einsatz mussten wir uns allerdings auf größere Dörfer beschränken, um eine wesentliche Bevölkerungsanzahl abzudecken, in der Hoffnung, dass auch die Menschen abgeschiedener Orte kommen konnten.
Das Team bestand aus 12 deutschen und peruanischen Ärzten, Krankenschwestern, Arzt- und weiteren Helfern, einer Sozialarbeiterin und Psychologin (angestellt im CVJM Arequipa und Lima). In den jeweiligen Einsatzorten wurden wir durch die Verantwortlichen der Gesundheitsstützpunkte verstärkt. Schon nach wenigen Tagen spielten sprachliche Grenzen innerhalb der Gruppe keine Rolle mehr. Die gute Stimmung und das Zusammengehörigkeitsgefühl half auch über schwierige Momente hinweg, als z.B. eine der Teilnehmerinnen eine sehr traurige Familiennachricht zu verkraften hatte. Sie entschied sich bewusst für ihre weitere Beteiligung am Einsatz. Unsere Geschwister vor Ort haben schon vor Monaten die Ortschaften bereist, um unser mobile Arztpraxis anzukündigen. Da war es dann schon etwas ernüchternd, als wir bei Ankunft meistens feststellten, dass die Verantwortlichen nichts weiter unternommen hatten, um die Informationen an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten, damit wir möglichst schnell mit der Sprechstunde starten konnten. Ich kommentierte das dann mit „Das ist halt Peru!“, womit die meisten mit der Zeit auch besser leben konnte. Unsere Enttäuschung darüber hielt sich auch deswegen in Grenzen, da die Bürgermeister dann in typisch peruanischer Spontaneität persönlich über Lautsprecher- und Radiodurchsage die Menschen sofort über das Projekt informierten und diese nach getaner Arbeit von den Feldern und die Schüler nach Ende der Klassen zu uns strömten. Dabei entstanden durchaus so lange Schlangen, dass wir viele wieder nach Hause schicken mussten. Aufgrund großer Distanzen, die wir zu den jeweiligen Orten zu bewältigen hatten blieb uns oftmals nicht länger als ein halber Tag für die Sprechstunde in einem Dorf Zeit. Es war dann gar nicht so leicht, die am meisten Bedürftigen zu finden, um diese noch zu versorgen. Dabei entstand bei manch anderen, die nicht mehr behandelt werden konnten, verständlicher Frust, den sie auch äußerten. Einmal mussten wir unter wütendem Geschrei und Hämmern gegen ein Metalltor die Sprechstunde fast ausschließlich mit Gesten fortsetzen, da man das eigene Wort nicht mehr verstand. Ein in diesem Moment einsetzendes Gewitter unterbrach diese Protestaktion, vertrieb die draußen wartenden Massen und kühlte die Gemüter ab. Wir waren nicht wirklich traurig darüber!
Die Menschen begegneten uns nicht nur in ihrer herrlichen, traditionellen Kleidung, sondern auch mit für uns ungewohnten Überzeugungen und Erklärungen für ihre Krankheiten. Eine über 80-Jährige, die im Lauf von Jahren immer schlechter gesehen hatte, bat nach der ärztlichen Erklärung, dass sie damit leben müsse, um „reinigende Tropfen“, weil es sich ja nur um eine „Verunreinigung“ der Augen handeln könne. Wirkliche Überzeugungsarbeit mussten wir bei vielen Jugendlichen leisten, die uns voller Sorge von Schmerzen erzählten, die sie beim Rennen in der Seite spürten. Erst mit der Zeit erkannten wir, dass es sich hierbei lediglich um Seitenstechen handelte. Alles Westliche genießt in Peru einen immensen Vertrauensvorschuss. Die Mutter eines Jungen, der genäht werden musste, was unser peruanischer Kollege leicht hätte tun können, bestand auf die Versorgung durch die deutsche Ärztin.
Wir konnten aufgrund der Erfahrung unserer Gruppe eine allgemein-medizinische, kinder- und frauenärztliche Sprechstunde anbieten. Ein Zahnarzt ergänzte uns während der ersten beiden Tage. Als auch sehr wertvoll stellte sich das Vermessen der Sehkraft heraus. Hierbei konnten wir durch die ca. 500 mitgenommenen, gespendeten Brillen den Empfängern eine sehr große Freude machen. Es war ein besonderer Augenblick, wenn die Patienten mit „ihrer“ neuen Brille auf der Nase und einem Strahlen im Gesicht über den neuen, deutlichen Blick wieder gingen. Auch Sonnenbrillen konnten reichlich verteilt werden, da in den Bergen aufgrund von Staub, Sonne und Wind Augenprobleme weit verbreitet sind. Parallel zur Sprechstunden boten wir ein buntes Programm für die Kinder an, das meist aus einfachsten Möglichkeiten heraus organisiert wurde und sie stundenlang erfreute. Insgesamt war es eine große Herausforderung, mit der bescheidenen Ausrüstung, die uns zur Verfügung stand, Medizin zu machen. Es war aber immer wieder schön zu sehen, dass Viele auch nicht enttäuscht waren, wenn wir nicht unbedingt immer eine effektive Behandlung parat hatten - im Gegenteil. Oftmals erschien es, als erwarteten sie ein Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Lahme und blinde Patienten, solche mit lebenslangen Leiden und die vielen mit ihren sehr schwierigen Familienschwierigkeiten (hohes Gewaltpotential, Alkoholmissbrauch, Vergewaltigungen), sind nicht selten in Tränen ausgebrochen, als wir uns die Zeit nahmen, um in Ruhe zuzuhören und für sie zu beten. Für mich waren das die wahrlichen Highlights des Einsatzes.
Als besonderen Höhepunkt erlebten wir im Einsatzort Tuti die Hausgeburt eines kleinen Jungen durch unsere Gynäkologin und Patentante Gundula. Nach ein paar Minuten und vielen Gratulationen wurde mir ein Becher mit lauwarmen Wasser gereicht, damit ich „dem Neugeboren den Kopf waschen könnte“. Ich verstand nicht, was gewünscht war, dachte mir aber, dass es ja nicht schaden könnte und wollte dem Wunsch folge leisten, als ich verstand, dass mich die Tante damit zur Taufe aufforderte. Später verstand ich, dass dieser Wunsch aus der Angst der Mutter heraus entstanden war, die ihr voriges, drittes Kind 15 Tage nach der Geburt verlor. So wurde der Kleine auf den Namen von Gundulas Mann und des recht nervösen Täufers „Robert Daniel Churo Ccapiro“ getauft.
Wir wollten unseren Dienst von Herzen tun. Besonders leicht ist uns das auch deswegen gefallen, weil wir beeindruckenden Rückenwind durch zahlreiche Unterstützer aus Deutschland im CVJM und außerhalb davon gefunden haben. Nicht nur, aber besonders die großzügigen Spenden haben vieles erleichtert. An Medikamenten mussten wir nicht unnötig sparen. Manchem Patienten können wir dadurch sogar schlichte, aber effektive Operationen ermöglichen. Ein Rest steht dem Fortgang des Projektes zur Verfügung und kann dadurch vielleicht ein längerfristiges Engagement des CVJM innerhalb des Weltdienstes in die Wege leiten.
Daniel Trautwein, CVJM Jena
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