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03.12.2009



Welches Abenteuer lohnt sich?

„Eiszeit“ in der Spätschicht

„Suche Freiwillige für gefährliche Reise. Niedriger Lohn, bittere Kälte, lange Stunden in vollständiger Finsternis garantiert. Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung nur im Fall des Erfolges.“

Mit dieser Zeitungsanzeige warb der Entdecker und Südpolforscher Ernest Shackleton Männer für eine Expedition an. Während sich heute mancher  Mitteleuropäer nicht mehr ohne seine Jack-Wolfskin-Jacke in die Innenstadt traut, waren im Zeitalter des Heroismus viele davon beseelt, die letzten unentdeckten Teile dieser Erde zu erobern. Shackleton, bekannt als mitreißender Anführer, wollte als erster Mensch den antarktischen Kontinent überqueren. Hoffnungsvoll bricht er 1914 mit seiner Mannschaft auf. An Bord des Segelschiffs „Endurance“ geht es zum Südpol.

Die Band „lebensArt music“ nahm die Besucher der Spätschicht am 3. Dezember 2009 mit auf diese Reise: Das beeindruckende Konzertprogramm „Eiszeit“ entwickelte mit Hilfe von Musik, Lesungen und Original-Fotographien aus dieser Fahrt ein Gleichnis für ein umkämpftes Leben. Die Reise gilt bis heute als eine der härtesten und zugleich erstaunlichsten Unternehmungen, die Menschen jemals ausgeführt haben. Schnell stellt sich heraus, dass die Expedition unter keinem guten Stern steht.
 
Ein plötzlicher Temperatursturz führt schon lange vor dem Ziel dazu, dass die „Endurance“ vom Packeis eingeschlossen und schließlich zermalmt wird. Weit ab von jeder Zivilisation und bei barbarischer Kälte scheint jede Rettung aussichtslos. Doch entbehrungsreiche Gewaltmärsche durch die Eiswüste und eine aberwitzige Hochseefahrt auf einem mitgeschleppten Ruderboot bringen schließlich die lebensrettende Hilfe: Die legendäre Führungskraft Shackletons hat alle Mitglieder seiner Expedition vor dem sicheren Tod bewahrt.

Dennoch stellte sich wohl vielen im Publikum die Frage, ob sich ein solches Abenteuer lohnt und woher die Sicherheit kommt, auch in einer aussichtslosen Situation durchzuhalten. Diese Entscheidungen wird vermutlich ein jeder ganz persönlich für sein Leben treffen müssen.

                                                                                                   Walter Graßmann

 

12.11.2009



Mutiger Einsatz für das Leben

Eine Hebamme kämpft für das Leben ungeborener Kinder


    „Ein Mensch, der fehlt auf dieser Welt“. Dies ist die Aussage einer Frau, die ihr Kind abgetrieben hat und sich nun mit ihrer Schuld konfrontiert sieht. Dass ein gewaltsamer Schwangerschaftsabbruch einem Tötungsakt gleichzusetzen ist, der Schuldgefühle hervorruft und bei den Betroffenen oft noch Jahre später zu Depressionen führt, wird allerdings von weiten Teilen des Staats und der Gesellschaft verdrängt. Es scheint neuerdings ein „durchgehendes Nein zum eigenen Nachwuchs“ zu dominieren.

    Dies bezeugte die Hebamme Maria Grundberger am 12.11.2009 in der Spätschicht, wo sie über ihre Erfahrungen mit der Gehsteigberatung vor Abtreibungskliniken berichtete. Die 28-jährige hatte noch als Schülerin vor zehn Jahren damit begonnen, Frauen, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befinden, auf diese Weise beizustehen. Dabei ist es ihr seitdem gelungen, weit über 500 Kindern das Leben zu retten. Grundbergers Engagement für das Recht auf Leben erregte die Aufmerksamkeit des Berliner Filmemacher Fritz Poppenberg. Er drehte über ihre Arbeit den Dokumentarfilm „Maria und ihre Kinder“, der 2007 zum ersten Mal gezeigt wurde. 2009 wurde die Lebensschützerin für ihre Arbeit mit dem Walter-Künneth-Preis der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern (KSBB) ausgezeichnet.

    Im Anschluss an die Einführung in das Thema durch den Film von Fritz Poppenberg gab Maria Grundberger den Besuchern im persönlichen Gespräch Einblick in ihre Arbeit, hinter der die Organisation  Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) steht. Das Konzept der Gehsteigberatung geht auf den katholischen Priester Monsignore Philip Reilly aus New York zurück. Gemeinsam mit einem Beter im Hintergrund, versucht Maria Grundberger die Frauen auf dem Weg in eine Abtreibungsklinik zu erreichen. Anschaulich wird die Situation des Kindes im Bauch der Mutter durch ein kleines Plastikmodell eines Embryos im Alter von 12 Wochen, dem maximalen Alter eines werdenden Kindes, bis zu dem es abgetrieben werden darf.

    Maria Grundbergers Anliegen, ein Kind zu retten, hat allerdings zunächst sehr wenig Aussicht auf Erfolg, denn „wenn eine Frau zur Abtreibungsklinik geht, ist das Kind eigentlich schon tot“, erzählt die Hebamme, die die Patientinnen der Klinik sehr schnell einschätzen muß. 70% der Frauen hören gar nicht auf sie. Doch manchmal braucht es nur einen Satz, um wachzurütteln und die Stimme des Gewissens, die im eigenen Körper schweigt, wieder wahrzunehmen. Es geht bei der Gehsteigberatung also nicht um kalte moralische Vorhaltungen und Ermahnungen, sondern um eine Begegnung mit Liebe und Verständnis für Frauen, die sich in einem Schwangerenkonflikt befinden, und um konkrete Hilfe – nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch nach der Geburt. Sie reicht von der Vermittlung von Frauenärzten oder Babysitter bis zur Unterbringung in einer Notfallwohnung.

    Maria Grundbergers Initiative wird von den Ärzten, Behörden und Verbänden allerdings selten unterstützt. So mußte sie sich auch schon vor Gericht das Recht erkämpfen, die Gehsteigberatung weiter betreiben zu dürfen. Übrigens wird die Behandlung von Traumata bei Frauen, die an ihrer Tat zerbrechen, von den Krankenkassen nicht bezahlt.

    Maria Grundberger beeindruckt durch ihr authentisches Auftreten, das von der Liebe zu werdenden Müttern mit ihren Problemen sowie zu den ungeborenen Kindern geprägt ist. Davon ließen sich einige Teilnehmer so inspirieren, dass sie sich bereit erklärten, persönlich eine Gehsteigberatung zu erleben und demnächst mitzuhelfen.
                                                                                                         Tobias Apelt

 

Eine CD dieses Vortrags ist an der Theke des CVJMs erhältlich. (Preis: 2,-€)

 

15.10.2009



Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise

mit Karlheinz Walch

Eine Kooperation von Erwachsenentreff und Spätschicht am 15. Oktober

 

„Die Gier machte viele Augen blind“, so Karlheinz Walch im Blick auf die Ursachen der großen Finanzkrise. Dazu kommen noch Faktoren wie eine maßlose Übertreibung bei der Kreditfinanzierung riskanter Immobiliengeschäfte und der zeitweise völlige Vertrauensverlust zwischen den Banken.

In seinem ausgesprochen nüchternen Referat vor ca. 70 Zuhörern brachte Walch, Abteilungsleiter bei der Bundesbank sowie Schatzmeister des CVJM Frankfurt, den durchaus möglichen Zusammenbruch des Bankensystems mit einem Filmtitel in Verbindung – „Apocalypse Now“. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen seien trotz der massiven Risiken alternativlose Notoperationen gewesen. Ansonsten hätte der Exitus gedroht, eine nicht unumstrittene Äußerung, wie die lebhaften Reaktionen des Publikums bewiesen. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass bisher in der Spätschicht geistliche Themen bei weitem nicht so engagiert diskutiert wurde wie an diesem Abend die Finanzkrise.

Der Referent verwies im weiteren Verlauf darauf, dass trotz der umfangreichen interna-
tionalen Zusammenarbeit und der bereits sichtbaren Fortschritte die Krise noch lange nicht beendet sei. Sinkende Steuereinnahmen, teure Konjunkturpakete sowie steigende Zahlen bei Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten würden den politischen Spielraum einschränken. Den öffentlichen Haushalten drohten harte Einschnitte, die sich auch auf die Zuschüsse für den CVJM oder auf die Entwicklungshilfe für die Länder südlich der Sahara auswirken könnten. Um in Zukunft eine derartige Krise zu vermeiden, hilft es laut Walch nicht, Regeln nur formalistisch einzuhalten. Die Marktteilnehmer müssen vielmehr den legitimen Geist der Gesetze berücksichtigen. 
                                                                                                          Walter Graßmann

Photos des Abends  (Vergrößerung durch Anklicken):

 

24.09.2009



Mann und Frau in Koran und Bibel

Zementierter Geschlechterkampf oder Freundschaft auf Augenhöhe

- „Vertraust Du Deiner Frau?“ 
-  „Nein, meiner Frau erzähle ich nicht alles, ich vertrau’ ihr nicht in Allem.“

- „Wie? Was ich will? Meine Familie entscheidet, was und wo ich studiere.“

Diese beiden Zitate sind authentische Aussagen, die eine Mitarbeiterin der Spätschicht während eines längeren Auslandaufenthalts in Jordanien aufgeschnappt hat. Sie dienten als Bildunterschriften zu einigen Photos, die das Thema der Spätschicht vom 24. September 2009 „Mann und Frau in Koran und Bibel“ illustrierten. Die Religionswissenschaftlerin Frau Dr. Beate Beckmann-Zöller verglich vor ca. 60-70 interessierten Besuchern die unterschiedlichen Rollenverständnisse im Christentum und im Islam.

Dabei fällt schon als bemerkenswert auf, dass sich Bibel und Koran als Basisschriften der beiden Religionen in ihrem Stellenwert grundlegend unterscheiden: Während der Koran als direkte Rede Allahs für Muslime eine gottgleiche Position einnimmt, die mit der Stellung Jesu Christi im christlichen Glauben vergleichbar ist, versteht das Christentum die Bibel zwar auch als „Gottes Wort“, sieht sie aber zugleich als historisch gewachsenes „Menschenwort“ an. Deshalb darf die Bibel im Unterschied zum Koran ausgelegt und interpretiert werden. Das bedeutet für das Miteinander von Mann und Frau in den beiden Religionen, dass der Koran für einen Muslimen den entscheidenden, unverrückbaren Leitfaden darstellt, während ein Christ sich direkt an Jesus und seinem Umgang mit Mann und Frau orientiert.

Frau Dr. Beckmann-Zöller erläuterte die christliche Theorie des Geschlechterverhältnisses mit Hilfe von Edith Stein, die drei Ordnungszustände der Welt voneinander unterscheidet. Bei der Erschaffung der Welt etablierte Gott eine Schöpfungsordnung, die Mann und Frau gleichermaßen als Gottes Spiegel ansieht. Nach dem Sündenfall herrscht der Zustand der gefallenen Natur, der sich darin zeigt, dass der Mann die Frau beherrscht. Schließlich richtet Jesus Christus mit seinem Tod und seiner Auferstehung die endgültige Erlösungsordnung auf, die auch einen gerechten Frieden zwischen den Geschlechtern stiftet. Auf diese Erlösungsordnung beruft sich der Apostel Paulus bei seinem Gemeindeaufbau. In der neutestamentlichen Ecclesia lebt die „neue Schöpfung“ schon heute, während der Geschlechterkampf in der sie umgebenden Gesellschaft weiter tobt. Den frühen Christen ist es dabei nicht gelungen, in allen Belangen zur Erlösungsordnung durchzudringen, aber Leitfigur ist mit seinem Verhalten gegenüber Frauen und Männern Jesus Christus selbst. Beispielhaft für die hohe Achtung, mit der Jesus den Frauen begegnet wider alle geltenden gesellschaftlichen Regeln, wies Beate Beckmann-Zöller auf die Erfahrungen der blutflüssigen Frau, der Frau am Jakobsbrunnen und der Ehebrecherin hin.

Nach dem Koran nehmen Mann und Frau zwar die gleiche Stellung vor Gott ein, unterscheiden sich aber grundsätzlich voneinander wegen der rituellen Unreinheit der Frau, die sie daran hindert, Allah in gleicher Weise zu dienen wie ein Mann es kann. Vor allem gibt die geschlechtliche Unterschiedlichkeit Anlaß zur Ableitung einer grundsätzlichen Ungleichheit von Mann und Frau auf Erden. Indem der Mann uneingeschränkt einseitig über die Frau herrscht, zementieren Muslime aus christlicher Sicht die Ordnung der gefallenen Schöpfung. Eine Perspektive der gegenseitigen Liebe und Ergänzung von Mann und Frau spielt keine Rolle. So ist die islamische Ehe lediglich ein Vertrag und „kein heiliger endgültiger unlöslicher Bund“, der die Liebe Gottes zum Menschen in der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau abbildet. Einem solchen Verständnis steht im Islam schon die Möglichkeit der Mehrehe mit bis zu vier Frauen zugleich entgegen. Als Gemeinsamkeit von Christen und Muslimen bleibt die Verurteilung von Abtreibung.
                                                                                                         Tobias Apelt

Photos des Abends:

23.07.09



Winterkinder - Die schweigende Generation

„Unser guter Vater“?

Die Geschichte über den früh verstorbenen Großvater von Jens Schanze ist schnell erzählt. Er war ein überzeugter Nationalsozialist, der als Redner aktiv in der NSDAP mitarbeitete und noch Anfang  1945 auf den Endsieg hoffte. Sein Tun wurde nach dem Krieg innerhalb der Familie totgeschwiegen. Erst vor wenigen Jahren wagte sich Schanze, ein preisgekrönter Dokumentarfilmer, an das Tabuthema.
Im Film „Winterkinder“ befragt er seine Eltern und Geschwister, dazu eine Zeitzeugin, alte Briefe und andere Quellen. Schrittweise gewinnt das Bild des früher stereotyp als „guten Vaters“ Bezeichneten an Kontur, die Familie bricht das Schweigen und findet endlich zum Gespräch. Trotz der Recherchen bleibt aber letztlich unklar, inwiefern der Opa von NS-Verbrechen wusste oder gar an ihnen beteiligt war.
Für die etwa 40 Zuschauer des Spätschichtabends am 23. Juli wäre dieses offene Ende vielleicht etwas unbefriedigend gewesen, hätte Jens Schanze seine eigentlichen Botschaften nicht geschickt anhand einiger Schlüsselszenen erläutert. Wie sollte ein seriöser Dokumentarfilmer arbeiten, warum kann Musik gerade bei diesem Medium verführerisch wirken und weshalb darf man als Zuschauer keinem Film unhinterfragt glauben? Vielleicht kann das Fazit über die Familiengeschichte und zum Filmemachen lauten, dass Wahrheit frei macht.

Walter Graßmann

 

 

20.06.2009



Altbau der besonderen Art – Spätschicht besucht die Residenz

Wer in München eine geräumige 4-Zimmer-Wohnung sucht, wird hart auf die Probe gestellt. Dagegen präsentiert sich scheinbar grenzenlos die Wohnanlage der wittelsbachischen Fürsten: Renovierter Altbau, ca. 23 500 qm Dachfläche, Innenstadtlage, Zugang zum eigenen Park und zur eigenen Kirche. Zeitweise galt die Residenz als prunkvollster Palast Deutschlands, alleine das 1. Wartezimmer von Kurfürst Karl Albrecht ist mit 150 qm so groß wie eine reichlich bemessene Stadtwohnung unserer Tage.

In dieser Wohnlandschaft der Superlative gab Eva Mack, M.A. am Samstag, 20. Juni, eine beeindruckende Führung. Wie immer bei der Spätschicht bot sich Gelegenheit, Freunde, Nachbarn und Kollegen einzuladen. Besonders beeindruckend war das Antiquarium, mit einer Länge von 66 Metern einer der bedeutendsten Renaissance-Räume nördlich der Alpen. Es diente, so die kundige Führerin, einst als Bankett- und Festraum der bayerischen Fürsten. Zwei Stunden voller Details, Insiderwissen und überraschender Einsichten – und doch reichte die Zeit nur für kaum ein Zehntel der Räumlichkeiten in der Residenz.

Bevor nun aber Neid auf die ehedem stolzen Besitzer aufkommt, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Schlossherren im Winter nicht selten nur dick vermummt speisen konnten. Frühneuzeitliche Schlösser waren oft chronisch schlecht zu beheizen, sodass schon einmal der Wein in den Trinkgläsern gefror. Wie vorteilhaft doch die heutigen Wohnverhältnisse unter diesem Gesichtspunkt erscheinen.
                                                                                                  Walter Graßmann

 

28.05.2009



Geschenke annehmen 

Bis heute ist der 11. September mit seinem verheerenden Terroranschlag prägend, zumindest was das öffentliche Bewusstsein anbetrifft. Doch der 9. November 1989 hat unser tatsächliches Leben sehr viel stärker umgewandelt. Und zwar weltweit.In seinem Zeitzeugenbericht „20 Jahre Mauerfall. Was ist die neue Freiheit wert?“ referierte Joachim Reinelt, der katholische Bischof von Dresden-Meißen, am 28. Mai vor 80 Gästen in der Spätschicht über persönliche Erfahrungen.

Der Bischof rief dazu auf, das Geschenk von 1989 anzunehmen. Reinelt unterstrich, dass in der DDR geistige Erniedrigung und Verknechtung ausgerechnet von einer Ideologie ausgingen, die sich auf das Menschenbild der Französischen Revolution berief: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nichts davon habe sich verwirklichen lassen. Schon die Schule sei ein Kampfplatz um die menschliche Würde geworden. Andersdenkende seien bereits dort unterdrückt worden, wie er als Jugendlicher selbst erfahren musste. Dabei zitierte Reinelt immer wieder aus seiner Stasi-Akte.

Wirkliche Gemeinschaft aber habe es z.B. in den Kirchen gegeben. Hier konnte sich in den wenigen Räumen, die die Staatsführung offen ließ, ein freies Denken entwickeln. Obwohl sich ganz verschiedene Gruppen dort versammelten – Umweltgruppen, Ausreisewillige, Wehrdienstverweigerer, Jugendliche – sei doch das jahrzehntelange, auf der Bergpredigt beruhende Friedensgebet prägend gewesen. Nachdrücklich verwies er auf die evangelische Nikolaikirche in Leipzig. Mit dem Ruf „Keine Gewalt“ hätten die Demonstrationen im Oktober 1989 die entscheidende Richtung erhalten. Dies wäre eine wichtige Voraussetzung für Reinelts Gespräche mit Vertretern des Regimes gewesen.

Der innere Wendepunkt der Demonstrationen bestand darin, dass sich die Forderung „Wir wollen raus“ in ein „Wir bleiben hier“ verwandelt habe. Bereits die daraufhin in der DDR einsetzenden inneren Veränderungen hätten Reinelt mit großer Dankbarkeit erfüllt – den späteren Fall der Mauer am 9. November und die rasch folgende Einheit wertet er bis heute als ein Wunder.

Heute sieht Reinelt Probleme in der alltäglichen Annäherung zwischen Ost und West. Wir sollten den Bürgern der ehemaligen DDR nicht die positiven Lebenserinnerungen fortreden, die sie individuell gemacht hätten. Zudem merkte er an, dass auch das Menschenbild im liberalen Denken von heute Mängel aufweise.

Dennoch überwiegt bei ihm die Freude. Ausdrücklich verwies der Bischof auf die renovierten Städte und die blühenden Landschaften. Auch dies sei ein Geschenk, das wir annehmen dürfen. 
                                                                                                   Walter Graßmann

 

 

23.04.2009



Kleine Tricks und große Kunst in der Spätschicht

Erst ein feines Vibrieren der Stimmgabel, dann der Einsatz. „Gaudete in Domino semper“, und tatsächlich kommt im Publikum über diesen schönen Introitus spürbar Freude auf. Eine günstige Gelegenheit also, um Freunde und Kollegen ins CVJM-Haus in der Landwehrstraße einzuladen. Tobias Apelt und sein Ensemble „Sine Nomine“ begaben sich bei der jüngsten Spätschicht am 23. April auf einen Streifzug durch die geistliche Musik der letzten zehn Jahrhunderte. Gregorianischer Gesang, Motetten der Frühen Neuzeit, lateinische Messen und der protestantische Choral prägten den Abend.

Im Wechsel zu den stimmungsvollen Einlagen des zehnköpfigen Chors sorgte der promovierte Musikwissenschaftler für wichtige Hintergrundinformationen und Spannung: Martin Luther schrieb, nicht ohne Risiko, eines Tages an den Komponisten Ludwig Senfl, der am katholischen Hof zu München angestellt war. Er, der nach den Wirrnissen um die Entstehung des Augsburger Bekenntnisses schwer enttäuscht und auch lebensmüde ist, erbittet resigniert einen Chorsatz von „In Frieden lege ich mich nieder“. Wie schafft es Senfl wieder Mut und Zuversicht zu verbreiten? Der Hofkapellmeister antwortet auf seine Weise und schickt dem Reformator statt des Erbetenen ein Stück mit der gegenteiligen Aussage, nämlich die Psalmmotette „Non moriar“, also „Ich werde nicht sterben“, sondern leben.

Nach dem dieser Psalm (Psalm 118,17) verklungen ist, klärt ein weiterer Kurzvortrag das geheimnisvolle „Sine Nomine“ auf: Auf dem gegenreformatorischen Konzil von Trient wurde festgelegt, dass im Widerspruch zur bisher üblichen Kompositionspraxis keine weltlichen Liebeslieder, also Pop-Musik, Grundlage einer Messe werden konnten. Doch Giovanni Pierluigi da Palestrina unterläuft diesen Beschluss. Um nicht den echten Titel eines besonders schönen, aber umfunktionierten weltlichen Madrigals preisgeben zu müssen, bezeichnet er seine darauf basierende Messe verschleiernd einfach mit „sine nomine“ – ohne Namen. Ob das Palestrinas Dienstherr wusste? Immerhin handelte es sich dabei um niemand geringeren als den Papst.

Egal, denn schon gibt die Stimmgabel wieder den Ton vor und der Chor setzt zu einer wunderbaren Motette an: „Also hat Gott die Welt geliebt“. Ein Mitschnitt des hörenswerten Abends ist als CD an der Rezeption erhältlich.
                                                                                                   Walter Graßmann

 

Durch die Werke führt der Musikhistoriker Tobias Apelt.
Das Ensemble „Sine Nomine“ besteht aus zehn Sängerinnen und Sängern und formierte sich im April 2008. Seine Heimat ist die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

  

26.03.2008



Man muss sich wehren:
Yehoshua Chmiel über Diskriminierung

Zehn Ordner voller Drohbriefe und -E-Mails habe er im Laufe seiner Amtszeit als Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde in München angesammelt. Die Lage beim Neubau des jüdischen Gemeindezentrums auf dem Anger war so angespannt, dass über ein Zehntel der Baukosten für Sicherheitsvorkehrung aufgewendet werden musste. Wie vor Errichtung der Synagoge wird weiterhin ein großer Etat für Bewachung und Schutz gebraucht.

Dies berichtete Chmiel am 26. März beim Spätschichtabend über Diskriminierung. Vor etwa 40 Besuchern erläuterte er, wie man gegen Diskriminierung vorgehen kann. Dazu gehöre, so Yehoshua Chmiel, Wehrhaftigkeit neben Toleranz anderen gegenüber. Man muss für sich und seine Werte einstehen und kämpfen. „Die Schwachen werden diskriminiert, die Starken nicht“, so Chmiels nüchterne Erfahrung. Auf der anderen Seite liege eine Diskriminierung erst dann vor, wenn man sich auch diskriminiert fühle. Die bayerische Färbung der Stimme klingt durch, wenn der in Israel geborene, aber in München aufgewachsene Referent erzählt, dass er Diskriminierung bewusst erstmals im Kindergarten erfahren habe. Und zwar durch einen Gleichaltrigen, wie er lebhaft ausführt.

Chmiel verwahrte sich vehement gegen eine Gleichsetzung von jüdischen Gemeinden in Deutschland und dem Staat Israel. Die Juden hier und anderswo seien nicht für die israelische Politik verantwortlich, würden aber dafür in Haft genommen. Gleichzeitig unterstrich Chmiel, dass er bei aller berechtigten Kritik den Staat Israel als Rettungsanker und Lebensversicherung für die in der Welt verstreut lebenden Juden sieht. „Gäbe es einen Staat wie Israel nicht, so wären die Exzesse heute viel stärker.“
                                                                                                     Walter Graßmann

 

 

 

19.02.2009



Abschied ist ein bisschen wie Sterben

Hospizarbeit und Sterbendenbegleitung

 „Die Regie gibt der Sterbende vor“, dies ist einer der prägenden Leitsätze für die Arbeit Christa Lechners. Die Lehrerin für Pflegeberufe sprach vor etwa 35 Zuhörern beim Spätschicht-Abend am 19. Februar 2009 zum Thema „Sterben in Würde“. 

Als Krankenschwester wollte sie Menschen ursprünglich vor allem helfen, wieder gesund zu werden. Tatsächlich musste Lechner ihre Schützlinge immer öfter beim Sterben begleiten. Eine belastende Erfahrung, die so gar nicht ihrem Wunschbild entsprach. Trotz der schweren Arbeit hatte die Krankenschwester jedoch immer wieder positive Erlebnisse: Eine Frau kann ihr Schicksal annehmen und gelöst sterben, ein alter Familienstreit wird kurz vor dem Tod beigelegt, Schuld erfährt noch am Sterbebett Vergebung. Dies war ein Anlass, sich in der Hospizbewegung zu engagieren.

Frau Lechner sieht das Sterben als Lebenskrise. Wer Umbrüche nicht bewältigen könne, der würde nie erwachsen werden. Sterben sei die letzte Lebensaufgabe, die ein Mensch bestehen muss. Das Sterben werde in der Bibel auch als Prozess des Lernens beschrieben.

Insgesamt ist Sterben dann würdevoll, wenn der Sterbende wertgeschätzt wird. Diese Wertschätzung erfährt der hinfällige Mensch, indem z.B. seine Bedürfnisse Berücksichtigung erfahren. Ein Sterbender hat in drei Bereichen Bedürfnisse, nämlich körperlicher, seelischer und sozialer Art.
Große Angst bereiten die Schmerzen. Medizinisch ist es nicht immer möglich, alles zu verhindern, doch versprechen Schmerztherapien generell Hilfe. Auch bei chronischen Schmerzen kann ein Arzt palliativ helfen, und zwar bis zum letzten Atemzug. Einsamkeit ist ein weiteres Problem. Deshalb muss es für jeden Menschen heißen: „Ich bin geliebt.“ Gerade Sterbende sollen wissen können, dass sie angenommen sind.
Aktive Sterbehilfe sieht Christa Lechner kritisch. Sollte der Wunsch nach der Todesspritze geäußert werden, so versucht sie die dafür auslösenden Faktoren in Erfahrung zu bringen. Manchmal signalisiert der Sterbende damit, dass er vor Schmerzen seinen derzeitigen Zustand nicht mehr ertragen kann und sterben will. Hier könnte, so die Krankenschwester, eine Schmerztherapie helfen, die Symptome zu lindern und erträglich zu machen.

Eine wesentliche Aufgabe besteht in der Betreuung der Angehörigen. Sie benötigen oft mehr Begleitung als der Sterbende. Die Hospizarbeit ist vor allem deswegen entstanden, weil die Defizite hier so groß sind. Wird die Familie unterstützt, so kann der Patient oft zuhause sterben. Wenn sie Regie führen können, so ist dies der Ort, an den sich die viele Sterbenden hinwünschen.      
                                                                                              Walter Graßmann

15.01.2009



„Das Eisen schärfen“: Martin Schleske bei der Spätschicht

Es besteht Hoffnung! Der legendäre Antonio Giacomo Stradivari erlebte seine goldene Schaffensphase erst im reifen Alter zwischen 55 und 75 Jahren. Mit dieser Ermutigung leitet Martin Schleske vor etwa 100 Zuhörern den Spätschicht-Abend am 15. Januar 2009 ein.

Schleske ist einer von 300 Geigenbauern in Deutschland, seine Werkstatt liegt in Grubmühl bei München. Für den gebürtigen Stuttgarter bilden Musiker und Instrument eine untrennbare Einheit. Das Instrument ist wie ein Organ mit dem Körper verwachsen. Ein Instrumentalist dagegen würde seine Geige „nur“ bedienen.

Eines Tages habe ihn ein bekannter Cellist aufgesucht. Er schleppte sich mit letzter Kraft in die Werkstatt und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. „Das Cello ist zu, ich komme nicht mehr in den Ton“, so die traurige Feststellung. Wie bei einer plötzlichen körperlichen Behinderung sei der Musiker verstummt, erzählt Schleske. Nur mit großen Mühen konnte der Geigenbauer dem Instrument wieder seinen guten Klang zurückgeben.

Diese Erfahrung sei ein Offenbarungsmoment des Alltags gewesen: Gott, so Martin Schleske, gibt jedem Menschen ein Lebensgleichnis, das er deuten soll. Gott will in seiner radikalen Liebe durch uns klingen, der Schöpfer kann also durch uns gehört werden. Manchmal sind die Menschen jedoch zu – wie das erwähnte Cello.

Schleske bringt diesen Zustand mit einer winzigen Scharte auf der Schneide eines Stecheisens in Verbindung. Damit lässt sich vielleicht gerade noch ein Cello-Boden stechen. Dennoch hinterlässt selbst die kleinste Scharte im Holz Spuren, die dort nicht hingehören. Genau so würde der Klang unseres Lebensgleichnisses den Mitmenschen gegenüber verzerrt werden. Deswegen gelte es, die Dinge nicht einreißen zu lassen und an sich wie mit einem geschärften Eisen zu arbeiten.

Seine bildhaften Erläuterungen unterstrich Schleske mit Hörbeispielen seines Opus’ 108. Wer den mitreißenden Vortrag verpasst hat, kann an der Rezeption des CVJM-Hauses, Landwehrstraße 13, einen Mitschnitt für 2,00 Euro kaufen oder auf  www.schleske.de eigene Nachforschungen anstellen.
                                                                                               Walter Graßmann

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Wo?
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